Das Wichtigste

Bei einer DIC (disseminierte intravasale Gerinnung, auch Verbrauchskoagulopathie) wird die Blutgerinnung im ganzen Körper gleichzeitig aktiviert: Winzige Gerinnsel verstopfen kleine Gefäße, danach fehlen Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren, und es kann zu Blutungen kommen. Auslöser ist immer eine andere schwere Erkrankung, am häufigsten eine Sepsis. Ärztinnen und Ärzte lesen mehrere Blutwerte zusammen, wiederholen sie und behandeln vor allem die Ursache.

Was ist eine DIC auf einen Blick?

  • Was passiert: Die Gerinnungseiweiße werden im ganzen Körper überaktiv. In den Gefäßen bilden sich kleine Gerinnsel, die die Durchblutung von Organen wie Leber, Gehirn oder Nieren verringern können; gleichzeitig werden die Gerinnungsfaktoren verbraucht, was Blutungen auslösen kann[2].
  • Andere Namen: Verbrauchskoagulopathie, Defibrinierungssyndrom; im Englischen „disseminated intravascular coagulation“[3].
  • Immer eine Folge: Eine DIC entsteht auf dem Boden einer Grunderkrankung, etwa einer schweren Infektion, einer Krebserkrankung, eines schweren Unfalls oder einer Komplikation in der Schwangerschaft[5].
  • Zwei Verlaufsformen: Die akute DIC entwickelt sich schnell und ist ein Notfall; die langsam verlaufende (chronische) DIC, etwa bei manchen Krebserkrankungen, macht oft nur wenige Beschwerden[3][4].
  • Wichtige Blutwerte: Thrombozytenzahl, Quick-Wert bzw. Prothrombinzeit mit INR, aPTT, Fibrinogen und D-Dimere[2].

Welche Symptome hat eine DIC?

Die Beschwerden entstehen aus zwei gegensätzlichen Problemen, und beide können bei derselben Person auftreten[1][4].

  • Blutungen: aus Wunden, Einstichstellen von Zugängen, Nase, Zahnfleisch oder Mund; Blut im Urin oder im Stuhl; kleine oder große blaue Flecken[1]. Stecknadelkopfgroße rote oder violette Punkte auf der Haut sind eine Form der Purpura.
  • Gerinnsel: Brustschmerzen oder Atemnot, oder Schmerzen, Rötung, Wärme und Schwellung an einem Bein[1].
  • Allgemein: Blutdruckabfall, Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen oder Verhaltensänderungen sowie Fieber[2].

Die meisten Menschen mit akuter DIC liegen wegen der auslösenden Erkrankung bereits im Krankenhaus. Unbehandelt kann eine DIC zu Lungenversagen (ARDS), Blutungen im Verdauungstrakt, Herzinfarkt, Schock, Schlaganfall oder Blutgerinnseln in den Venen führen[1].

Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?

Wann zum Arzt?

  • Notfall: 112 anrufen bei einer Blutung, die nicht aufhört[2], Blut im Erbrochenen oder schwarzem Stuhl, plötzlichen Brustschmerzen oder Atemnot, Verwirrtheit oder einer Schwäche auf einer Körperseite, besonders bei einer schweren Infektion, kurz nach einer Geburt, nach einer großen Operation oder Verletzung oder während einer Krebsbehandlung[12].
  • Innerhalb von 24 Stunden (außerhalb der Sprechzeiten über den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117) bei neuen, unerklärten blauen Flecken oder roten Pünktchen auf der Haut, immer wiederkehrendem Nasen- oder Zahnfleischbluten oder einem schmerzhaft geschwollenen Bein[1][12].
  • Beim nächsten Termin, wenn ein Befund niedrige Thrombozyten oder erhöhte D-Dimere zeigt und Sie eine bekannte Krebs- oder Lebererkrankung haben: Fragen Sie, ob an eine langsam verlaufende DIC gedacht wurde[3].

Was sind die Ursachen einer DIC?

Eine DIC folgt auf eine Erkrankung, die eine ausgedehnte Entzündung verursacht oder gerinnungsfördernde Stoffe ins Blut freisetzt[4].

  • Häufig Sepsis, eine Blutvergiftung durch Bakterien oder Pilze: die häufigste Ursache[1][4]. In Deutschland sterben 20 bis 30 Prozent der Menschen, die an einer Sepsis erkranken[13].
  • Häufig Schwere Verletzungen, Verbrennungen, Schädel-Hirn-Trauma oder große Operationen[1][2].
  • Möglich Krebs, besonders manche Formen der Leukämie wie die akute Promyelozytenleukämie, und einige solide Tumoren wie Prostatakrebs; bei Krebs verläuft die DIC oft langsamer und weniger dramatisch[2][4].
  • Möglich Komplikationen in Schwangerschaft und Geburt: vorzeitige Plazentalösung, Fruchtwasserembolie, in der Gebärmutter verbliebenes Plazentagewebe, Tod des Kindes im Mutterleib und seltener eine Präeklampsie[2][4].
  • Möglich Bauchspeicheldrüsenentzündung und schwere Lebererkrankungen wie eine Leberzirrhose[1][2].
  • Selten Eine Transfusionsreaktion, ein Schlangenbiss, ein großes Hämangiom oder ein Aortenaneurysma; auch als seltene Komplikation von COVID-19 ist eine DIC beschrieben[1][2][4].

Welche Gerinnungswerte zeigen eine DIC?

Einen einzelnen DIC-Test gibt es nicht. Üblich sind ein Blutbild mit Blutausstrich, Quick-Wert bzw. Prothrombinzeit mit INR, aPTT, Fibrinogen und D-Dimere[2], also die Werte eines normalen Gerinnungstests. In deutschen Befunden steht die Prothrombinzeit meist als Quick-Wert in Prozent: Je niedriger der Quick, desto länger braucht das Blut zum Gerinnen[14]. So könnte ein Befund bei Verdacht auf eine akute DIC aussehen.

Fiktives Beispiel eines Laborbefunds (deutsches Format)
UntersuchungErgebnisReferenzbereichHinweis
Thrombozyten58 /nl150 – 400 /nlL
Quick (Thromboplastinzeit)48 %ab 70 %L
INR1,6bis 1,2H
aPTT39 s25 – 35 sH
Fibrinogen (nach Clauss)118 mg/dl200 – 400 mg/dlL
D-Dimere6,40 mg/l FEU< 0,50 mg/l FEUH
  1. Thrombozyten: Normal sind 150.000 bis 400.000 pro Mikroliter, auf deutschen Befunden oft als 150 – 400 /nl (pro Nanoliter) oder Tsd/µl geschrieben[10]. Eine erniedrigte Zahl findet sich bei etwa 98 % der DIC-Fälle, unter 50.000 bei etwa der Hälfte[4].
  2. Quick, INR und aPTT: Sie messen, wie lange das Blut zum Gerinnen braucht. Als normal gelten ein Quick ab 70 % und eine INR bis 1,2; die Referenzbereiche unterscheiden sich aber stark von Labor zu Labor[14]. Die aPTT liegt üblicherweise bei 25 bis 35 Sekunden[10]. Verlängert (Quick erniedrigt) sind diese Zeiten nur bei etwa der Hälfte der DIC-Fälle, normale Werte schließen sie also nicht aus[4]. Mehr dazu: was die INR bedeutet.
  3. Fibrinogen: das Eiweiß, aus dem das Gerinnsel entsteht; üblich sind 200 bis 400 mg/dl (2,0 bis 4,0 g/l)[10]. Da es bei Entzündungen ansteigt, bleibt es bei fast der Hälfte der Menschen mit DIC normal[4]. Werte unter 100 mg/dl (1 g/l) zählen im ISTH-Score[6].
  4. D-Dimere: Bruchstücke, die beim Abbau von Gerinnseln entstehen. Ein üblicher Grenzwert ist 500 µg/l (0,50 mg/l)[11], Einheiten (FEU oder DDU) und Grenzwerte unterscheiden sich jedoch zwischen den Laboren. Erhöhte D-Dimere gibt es auch nach Operationen oder Unfällen, bei einer Thrombose oder bei Leber- oder Nierenproblemen[4].

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Wie werden die DIC-Laborwerte zusammen gelesen?

Kein einzelner Wert stellt die Diagnose. Entscheidend sind die Kombination, die Ursache und der Verlauf: Eine Thrombozytenzahl, die immer weiter fällt, sagt mehr als ein einzelner niedriger Wert[4]. Deshalb werden die Tests wiederholt[1][9].

  • Schnell verlaufende DIC: stärkerer Abfall der Thrombozyten, deutlich verlängerte Gerinnungszeiten (niedriger Quick, lange aPTT), rasch fallendes Fibrinogen und hohe D-Dimere[3].
  • Langsam verlaufende DIC: leicht erniedrigte Thrombozyten, normale oder kaum verlängerte Gerinnungszeiten (die aPTT kann anfangs sogar verkürzt sein), normales oder mäßig erniedrigtes Fibrinogen und erhöhte D-Dimere[3].

Der ISTH-Score. Die Internationale Gesellschaft für Thrombose und Hämostase (ISTH) vergibt Punkte für vier Werte: Thrombozytenzahl, einen Fibrinmarker wie die D-Dimere, die Verlängerung der Prothrombinzeit und Fibrinogen[6]. Ab 5 Punkten spricht das Ergebnis für eine manifeste („overte“) DIC; in Studien hatte der Score eine Sensitivität von 91 % und eine Spezifität von 97 %, und höhere Werte gingen mit einem höheren Sterberisiko einher[4]. In einer Gruppe von Menschen mit Sepsis lag die Sterblichkeit mit DIC bei 43 %, ohne DIC bei 27 %[4].

Erkrankungen, die einer DIC ähneln können[1][3][4]:

  • Schwere Lebererkrankung: senkt ebenfalls Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten. Faktor VIII ist bei einer DIC meist erniedrigt, bei einer Lebererkrankung nicht, und die D-Dimere sind bei einer DIC eher höher.
  • Thrombotische Mikroangiopathien wie die TTP: niedrige Thrombozyten und zerstörte rote Blutkörperchen, aber Quick und aPTT sind meist normal; ein ADAMTS13-Test hilft weiter.
  • Außerdem: massiver Blutverlust, heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT), Vitamin-K-Mangel.

Wenn rote Blutkörperchen in verstopften kleinen Gefäßen zerbrechen[2], kann der Blutausstrich Bruchstücke (Fragmentozyten) zeigen, und Werte wie LDH und Haptoglobin werden oft mitbestimmt.

Was hat sich 2025 an der DIC-Definition geändert?

2025 hat die ISTH ihre Definition von 2001 überarbeitet: Die DIC ist eine erworbene, lebensbedrohliche Störung, die von einer frühen, möglicherweise beschwerdefreien Phase bis zu einer fortgeschrittenen Phase mit Blutungen und/oder Organversagen fortschreitet. Eine frühe Erkennung kann den Verlauf verbessern[7]. Die Neufassung unterscheidet Prä-DIC, frühe DIC und manifeste DIC, passt die Kriterien an die Ursache an (bei Sepsis erkennt der Score für sepsisinduzierte Koagulopathie, SIC, eine frühe DIC) und ändert den Score für die manifeste DIC: D-Dimere über dem Dreifachen der oberen Normgrenze zählen jetzt 2 Punkte, über dem Siebenfachen 3 Punkte[8].

Wie wird eine DIC behandelt?

Eine eigene Behandlung der DIC gibt es nicht: Vorrang hat die Behandlung der Ursache, zum Beispiel der Infektion, der Geburtskomplikation oder der Krebserkrankung[2][5]. Die Behandlung findet im Krankenhaus statt, oft auf der Intensivstation[4]. Dosierungen nennen wir hier bewusst nicht.

  • Blutprodukte: Thrombozytenkonzentrate, Plasma, Kryopräzipitat oder Fibrinogenkonzentrat ersetzen, was verbraucht wurde. Sie werden vor allem bei Blutungen oder vor Eingriffen gegeben, nicht allein wegen der Laborwerte[9].
  • Blutverdünner (Heparin): können eingesetzt werden, wenn die Gerinnung überwiegt, etwa bei einer langsam verlaufenden DIC mit Thrombosen; bei einer schnellen DIC mit Blutungen werden sie in der Regel nicht gegeben[3][9]. Schwer kranke Menschen ohne Blutung erhalten meist eine vorbeugende Dosis gegen Thrombosen[9].

Wie wird eine DIC kontrolliert, und kann man ihr vorbeugen?

Eine Thrombozytenzahl, die sich bei wiederholten Tests stabilisiert, ist ein indirektes Zeichen dafür, dass die Gerinnungsaktivierung aufgehört hat[4]. Die Aussichten hängen von der Ursache ab, und eine DIC kann lebensbedrohlich sein[2]. Die beste Vorbeugung ist die rasche Behandlung der Erkrankungen, die sie auslösen können[2].

Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt

  1. Was hat die DIC ausgelöst, und wie wird diese Ursache behandelt?
  2. Verläuft die DIC schnell oder langsam, und ist im Moment die Blutung oder die Gerinnselbildung das größere Risiko?
  3. Auf welche Werte achten Sie besonders, und wie oft werden sie kontrolliert?
  4. Brauche ich Blutprodukte oder einen Blutverdünner, und warum?

Häufige Fragen zur DIC

Wofür steht DIC in der Medizin?

Für „disseminated intravascular coagulation“, auf Deutsch disseminierte intravasale Gerinnung: „disseminiert“, weil die Gerinnung im ganzen Körper abläuft, „intravasal“, weil sie in den Blutgefäßen stattfindet[2].

Kann ein einzelner Bluttest eine DIC ausschließen?

Nein. Thrombozyten, Fibrinogen und Gerinnungszeiten können am Anfang noch im Normbereich liegen, obwohl sie gegenüber Ihren üblichen Werten schon gefallen sind; deshalb werden die Tests wiederholt[4].

Ist eine DIC ansteckend oder erblich?

Nein. Die DIC ist erworben: Sie ist eine Reaktion des Gerinnungssystems auf eine andere Erkrankung, etwa eine schwere Infektion oder eine Verletzung[5][7]. Die auslösende Infektion kann ansteckend sein, die DIC selbst ist es nicht.

Kann eine DIC in der Schwangerschaft oder nach der Geburt auftreten?

Ja. Vorzeitige Plazentalösung, Fruchtwasserembolie und verbliebenes Plazentagewebe sind bekannte Ursachen; deshalb wird das Fibrinogen bestimmt, wenn sich die Plazenta vorzeitig löst[2][4][10].

Weiterführende Artikel

Quellen

  1. National Heart, Lung, and Blood Institute. Disseminated Intravascular Coagulation (DIC). National Institutes of Health. nhlbi.nih.gov (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  2. MedlinePlus Medical Encyclopedia. Disseminated intravascular coagulation (DIC). Überprüft im Oktober 2025. US National Library of Medicine. medlineplus.gov (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  3. MSD Manual Profi-Ausgabe. Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC). Vollständig überprüft im Juli 2025. msdmanuals.com (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  4. Venugopal A. Disseminated intravascular coagulation. Indian J Anaesth. 2014;58(5):603-608. doi:10.4103/0019-5049.144666 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  5. Levi M, Scully M. How I treat disseminated intravascular coagulation. Blood. 2018;131(8):845-854. doi:10.1182/blood-2017-10-804096 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  6. Taylor FB Jr, Toh CH, Hoots WK, Wada H, Levi M. Towards definition, clinical and laboratory criteria, and a scoring system for disseminated intravascular coagulation. Thromb Haemost. 2001;86(5):1327-1330. doi:10.1055/s-0037-1616068 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  7. Iba T, Levy JH, Maier CL, et al. Updated definition and scoring of disseminated intravascular coagulation in 2025: communication from the ISTH SSC Subcommittee on Disseminated Intravascular Coagulation. J Thromb Haemost. 2025;23(7):2356-2362. doi:10.1016/j.jtha.2025.03.038 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  8. Iba T, Maier CL, Scarlatescu E, Levy JH. Introducing the new definition and diagnostic criteria of disseminated intravascular coagulation released by the International Society on Thrombosis and Haemostasis in 2025. Semin Thromb Hemost. 2026;52(1):10-17. doi:10.1055/a-2675-6068 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  9. Levi M, Toh CH, Thachil J, Watson HG. Guidelines for the diagnosis and management of disseminated intravascular coagulation. British Committee for Standards in Haematology. Br J Haematol. 2009;145(1):24-33. doi:10.1111/j.1365-2141.2009.07600.x (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  10. MedlinePlus Medical Encyclopedia. Platelet count; Prothrombin time (PT); Partial thromboplastin time (PTT); Fibrinogen blood test. US National Library of Medicine (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  11. Righini M, Van Es J, Den Exter PL, et al. Age-adjusted D-dimer cutoff levels to rule out pulmonary embolism: the ADJUST-PE study. JAMA. 2014;311(11):1117-1124. doi:10.1001/jama.2014.2135 (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  12. Bundesministerium für Gesundheit. Gerinnungsstörungen (gesund.bund.de). gesund.bund.de (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  13. Bundesministerium für Gesundheit. Sepsis (gesund.bund.de). gesund.bund.de (abgerufen am 31. Oktober 2026)
  14. Apotheken Umschau. Prothrombinzeit / INR: Maß für die Blutgerinnung. apotheken-umschau.de (abgerufen am 31. Oktober 2026)

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