Das Wichtigste

Bei einer Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem gesunde Zellen des eigenen Körpers an. Es gibt mehr als 80 davon, von der Schilddrüsenentzündung bis zum Lupus, und zusammen betreffen sie etwa jeden zehnten Menschen. Kein einzelner Bluttest findet alle: Die Ärztin oder der Arzt verbindet Ihre Beschwerden mit gezielten Antikörpertests wie den ANA und mit Entzündungswerten.

Was ist eine Autoimmunerkrankung, kurz erklärt?

  • Definition: Das Immunsystem, das sonst Krankheitserreger abwehrt, bildet Antikörper oder Zellen, die körpereigenes Gewebe schädigen[1].
  • Anzahl: über 80 Erkrankungen sind bekannt[1]. Manche treffen ein einzelnes Organ, etwa die Schilddrüse bei der Hashimoto-Thyreoiditis; andere den ganzen Körper, wie der Lupus.
  • Häufigkeit: In einer Studie mit 22 Millionen Menschen in Großbritannien betrafen 19 häufige Autoimmunerkrankungen 10,2 % der Bevölkerung: 13,1 % der Frauen und 7,4 % der Männer[4].
  • Wichtige Blutwerte: die antinukleären Antikörper (ANA) für die systemischen Erkrankungen, ein krankheitstypischer Antikörper (Schilddrüse, Zöliakie, rheumatoide Arthritis, Typ-1-Diabetes) und Entzündungswerte wie CRP und Blutsenkung.

Welche Symptome hat eine Autoimmunerkrankung?

Die Beschwerden hängen vom angegriffenen Organ ab, und viele andere Krankheiten verursachen dieselben[1]. Häufige erste Anzeichen:

  • Anhaltende Müdigkeit, leichtes Fieber, allgemeines Krankheitsgefühl.
  • Gelenkschmerzen, Schwellung und Steifigkeit; Muskelschwäche[2].
  • Hautausschläge, Rötung, Überwärmung oder Schwellung, die klassischen Zeichen einer Entzündung[1][2].
  • Beschwerden, die kommen und gehen: Phasen der Verschlechterung heißen Schübe, ruhige Phasen Remissionen[1].

Manche Kombinationen weisen auf ein bestimmtes Organ hin:

  • Schilddrüse: Gewichtsveränderung, Frieren oder Schwitzen, Herzrasen (Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow).
  • Gelenke: schmerzhafte, geschwollene Fingergelenke, morgens schlimmer (rheumatoide Arthritis).
  • Darm: Durchfall, Blähungen, Gewichtsverlust oder Eisenmangel (Zöliakie, Morbus Crohn).
  • Bauchspeicheldrüse: Durst, häufiges Wasserlassen und Gewichtsverlust (Typ-1-Diabetes)[2].
  • Nerven und Muskeln: Sehstörungen, Kribbeln, hängendes Augenlid oder Schwäche, die im Tagesverlauf zunimmt (Multiple Sklerose, Myasthenia gravis).
  • Trockene Augen und trockener Mund: Sjögren-Syndrom.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wann zum Arzt?

  • Notfall: 112 anrufen bei fruchtig riechendem Atem mit Erbrechen, tiefer schneller Atmung oder Benommenheit, die einen Typ-1-Diabetes erstmals zeigen können[16]; bei starker Atemnot oder Schluckstörung bei bekannter Muskelschwäche[17]; bei Brustschmerz, plötzlicher Verwirrtheit oder halbseitiger Schwäche.
  • Innerhalb von 24 bis 48 Stunden bei einem heißen, geschwollenen Gelenk mit Fieber, einem neuen Ausschlag mit Fieber, schäumendem oder dunklem Urin oder einer bekannten Autoimmunerkrankung, die sich rasch verschlechtert. Außerhalb der Sprechzeiten: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117.
  • Beim nächsten Termin bei Müdigkeit, Gelenkschmerzen oder einem Ausschlag, die seit Wochen bestehen, oder bei einem zufällig positiven Antikörper. Bringen Sie ein Beschwerdetagebuch und die Familiengeschichte mit.

Was sind die Ursachen von Autoimmunerkrankungen, und wer ist gefährdet?

Die genaue Ursache ist unbekannt. Vermutlich machen bestimmte Gene anfällig, und ein Auslöser setzt die Krankheit dann in Gang[1]. Bekannte Risikofaktoren:

  • Weibliches Geschlecht: Frauen erkranken deutlich häufiger, oft im gebärfähigen Alter[3][4].
  • Familiengeschichte: ein Elternteil oder Geschwister mit einer Autoimmunerkrankung erhöht das Risiko[1][2].
  • Infektionen: einige Viren, etwa das Epstein-Barr-Virus und COVID-19, werden mit dem Beginn von Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht[2].
  • Rauchen und Chemikalien: Tabakkonsum und manche Umweltbelastungen[2].
  • Bereits eine haben: Autoimmunerkrankungen treten gehäuft gemeinsam auf. Kinder mit Typ-1-Diabetes hatten viel häufiger Zöliakie, Schilddrüsenerkrankungen oder Morbus Addison als die Allgemeinbevölkerung[4].

Welche Blutwerte zeigen eine Autoimmunerkrankung, und wie liest man sie?

Meist gibt es keinen einzelnen Test für eine bestimmte Autoimmunerkrankung, und die Diagnose braucht oft mehrere Arztbesuche[1]. Ausgangspunkt sind Ihre Beschwerden; dann folgen passende Untersuchungen: Blutbild, Entzündungswerte und danach Antikörper. Ein fiktives Beispiel für einen Befund bei Gelenkschmerzen, Ausschlag und Müdigkeit:

Fiktives Beispiel eines Befunds der Autoimmundiagnostik (Format eines deutschen Labors)
UntersuchungErgebnisReferenzbereichKennzeichen
ANA (IFT auf HEp-2-Zellen)positivnegativ+
ANA-Titer1:320< 1:80H
Fluoreszenzmusterhomogen (AC-1)
Anti-dsDNA-Antikörper48 IU/ml< 30H
Komplement C30,72 g/l0,90-1,80L
Komplement C40,08 g/l0,10-0,40L
CRP4 mg/l< 5
BSG (Blutsenkung), 1. Stunde38 mm< 20H
  1. ANA positiv mit 1:320: Der Titer ist die höchste Verdünnung des Serums, bei der die Antikörper noch zu sehen sind. Auch Gesunde sind positiv: 13,3 % bei 1:80 und 5 % bei 1:160 in einer internationalen Studie[6]. Ein hoher Titer wiegt schwerer, ist aber allein nie eine Diagnose[5].
  2. Muster: Das Labor beschreibt, wie die Antikörper die Zellen anfärben; 29 Muster sind festgelegt, und jedes zeigt, welcher Antikörper als Nächstes getestet wird[7].
  3. Anti-dsDNA erhöht, C3 und C4 erniedrigt: Beides zählt in den Klassifikationskriterien für Lupus, die als Einstieg positive ANA ab 1:80 verlangen[8].
  4. BSG erhöht, CRP normal: Die BSG zeigt eine Entzündung, aber nicht deren Ursache[15]. Referenzbereiche unterscheiden sich je nach Labor: Maßgeblich ist Ihr Befund.

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Meine Laborwerte erklären
Bluttests, die bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung häufig veranlasst werden
TestZugehörige ErkrankungenSo liest man ihn
ANALupus, Sjögren-Syndrom, Sklerodermie, Autoimmunhepatitis[5]Suchtest: negativ macht Lupus sehr unwahrscheinlich; positiv erfordert weitere Antikörper[6][8]
Anti-dsDNA, C3 und C4Lupus[8]Hohe Anti-dsDNA (H) und niedriges Komplement (L) sprechen für einen aktiven Lupus
Rheumafaktor und Anti-CCPRheumatoide Arthritis[9]Anti-CCP findet sich bei den meisten Erkrankten und fast nie ohne die Krankheit; sind beide positiv, ist sie wahrscheinlich[10]
Anti-TPO, Anti-Tg, TRAKHashimoto-Thyreoiditis, Morbus Basedow[11]Zusammen mit dem TSH lesen: hohe Anti-TPO bei Hashimoto, TRAK bei Basedow
Transglutaminase-IgA mit Gesamt-IgAZöliakie[12]Nur gültig, solange Sie Gluten essen; ein niedriges Gesamt-IgA kann ein positives Ergebnis verdecken[12][13]
Inselautoantikörper (Insulin, GAD, IA-2, ZnT8)Typ-1-Diabetes[14]Können vor allen Beschwerden auftreten; das Screening wird Menschen mit familiärer Vorbelastung angeboten[14]
CRP und BlutsenkungJede Entzündung[15]Zeigen, wie aktiv die Entzündung ist, nicht deren Ursache

Drei Fallen: Positive ANA sind bei gesunden Erwachsenen häufig, besonders bei Frauen über 65, und nach manchen Infektionen oder Medikamenten[5]; wer vor dem Zöliakietest auf Gluten verzichtet, kann ein falsch negatives Ergebnis bekommen[12]; ein normales CRP schließt eine Autoimmunerkrankung nicht aus. Manchmal sind eine Gewebeprobe oder Bildgebung nötig, um die Diagnose zu sichern[2][13].

Wie werden Autoimmunerkrankungen kontrolliert?

Die Verlaufskontrollen hängen von der Erkrankung und der Behandlung ab:

  • Rheumatoide Arthritis und Lupus: CRP, BSG und Blutbild zeigen die Entzündung; beim Lupus werden zusätzlich Urin und Nierenwerte geprüft.
  • Schilddrüse: Der TSH-Wert steuert die Dosis des Schilddrüsenhormons.
  • Typ-1-Diabetes: Der HbA1c-Wert misst den mittleren Blutzucker.
  • Zöliakie: Wiederholte Antikörpertests prüfen, ob die glutenfreie Ernährung wirkt; dafür ist keine Vorbereitung nötig[12].
  • Medikamente, die das Immunsystem dämpfen: Regelmäßige Blutbilder sowie Leber- und Nierenwerte achten auf Nebenwirkungen.

Wie werden Autoimmunerkrankungen behandelt?

Die meisten sind chronisch. Die Behandlung soll das Immunsystem beruhigen und Entzündung und Schmerzen lindern; manche brauchen sie lebenslang[1]. Dosierungen nennen wir hier nicht.

  • Schmerzmittel und entzündungshemmende Mittel, darunter Kortison[2].
  • Immunsuppressiva und andere Medikamente, die das Immunsystem bremsen[1][2].
  • Ersatz dessen, was das Organ nicht mehr herstellt: Insulin bei Typ-1-Diabetes[2], Schilddrüsenhormon bei Unterfunktion.
  • Streng glutenfreie Ernährung bei Zöliakie[13].
  • Physio- und Ergotherapie und bei manchen Erkrankungen Immunglobuline als Infusion[2].

Kann man Autoimmunerkrankungen vorbeugen, und wie lebt man damit?

Für die meisten gibt es keine nachgewiesene Vorbeugung, aber Sie können einige Risiken senken und Schübe früh erkennen:

  • Nicht rauchen oder sich beim Aufhören helfen lassen[2].
  • Erkrankungen in der Familie notieren, auch bei Großeltern und Cousins, und der Ärztin oder dem Arzt zeigen[3].
  • Ein Beschwerdetagebuch führen: was auftritt, wann, und was es bessert oder verschlimmert[3].
  • Die ersten Zeichen eines Schubs kennen und wissen, wen man anruft.
  • Alle Antikörperbefunde aufbewahren: Sie werden selten wiederholt, und die nächste Fachpraxis fragt danach.
  • Eine verordnete Behandlung nie ohne Rücksprache absetzen, auch wenn es Ihnen gut geht.

Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt

  1. Auf welche Autoimmunerkrankung deuten meine Beschwerden, und welche Tests bestätigen oder entkräften sie?
  2. Ist mein ANA-Titer bedeutsam, und worauf weist das Muster hin?
  3. Brauche ich eine Fachärztin oder einen Facharzt, und welche Fachrichtung?
  4. Welche Blutwerte wiederholen wir, und wie oft?
  5. Bei welchen Zeichen eines Schubs soll ich sofort anrufen?

Häufige Fragen

Kann ein einziger Bluttest alle Autoimmunerkrankungen ausschließen?

Nein. Negative ANA machen einen Lupus sehr unwahrscheinlich, schließen aber Schilddrüsenerkrankungen, Zöliakie, Typ-1-Diabetes oder Multiple Sklerose nicht aus; dafür gibt es eigene Tests[1].

Sind Autoimmunerkrankungen erblich?

Teilweise. Familien teilen Gene, die das Risiko erhöhen, oft für unterschiedliche Autoimmunerkrankungen, doch die meisten Angehörigen erkranken nie[1].

Ist eine Autoimmunerkrankung ansteckend?

Nein. Sie entsteht im eigenen Immunsystem und überträgt sich nicht auf andere, auch wenn eine Infektion als Auslöser wirken kann[2].

Sind Autoimmunerkrankungen heilbar?

Die meisten nicht, aber eine Behandlung hält sie oft gut in Schach. Manche, wie die Zöliakie, bleiben ruhig, solange der Auslöser gemieden wird[1][13].

Verwandte Artikel

  1. MedlinePlus. Autoimmune diseases. US National Library of Medicine, 2024. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  2. Cleveland Clinic. Autoimmune diseases. 2024. clevelandclinic.org (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  3. Office on Women's Health, US Department of Health and Human Services. Autoimmune diseases. 2026. womenshealth.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  4. Conrad N, Misra S, Verbakel JY, et al. Incidence, prevalence, and co-occurrence of autoimmune disorders over time and by age, sex, and socioeconomic status: a population-based cohort study of 22 million individuals in the UK. Lancet. 2023;401(10391):1878-1890. doi:10.1016/S0140-6736(23)00457-9 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  5. MedlinePlus. ANA (antinuclear antibody) test. US National Library of Medicine, 2025. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  6. Tan EM, Feltkamp TE, Smolen JS, et al. Range of antinuclear antibodies in "healthy" individuals. Arthritis Rheum. 1997;40(9):1601-1611. doi:10.1002/art.1780400909 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  7. Damoiseaux J, Andrade LEC, Carballo OG, et al. Clinical relevance of HEp-2 indirect immunofluorescent patterns: the International Consensus on ANA patterns (ICAP) perspective. Ann Rheum Dis. 2019;78(7):879-889. doi:10.1136/annrheumdis-2018-214436 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  8. Aringer M, Costenbader K, Daikh D, et al. 2019 European League Against Rheumatism/American College of Rheumatology classification criteria for systemic lupus erythematosus. Arthritis Rheumatol. 2019;71(9):1400-1412. doi:10.1002/art.40930 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  9. Aletaha D, Neogi T, Silman AJ, et al. 2010 Rheumatoid arthritis classification criteria: an American College of Rheumatology/European League Against Rheumatism collaborative initiative. Arthritis Rheum. 2010;62(9):2569-2581. doi:10.1002/art.27584 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  10. MedlinePlus. Cyclic citrullinated peptide (CCP) antibody test. US National Library of Medicine, 2024. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  11. MedlinePlus. Thyroid antibodies. US National Library of Medicine, 2026. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  12. MedlinePlus. Celiac disease screening. US National Library of Medicine, 2025. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  13. Rubio-Tapia A, Hill ID, Semrad C, et al. American College of Gastroenterology guidelines update: diagnosis and management of celiac disease. Am J Gastroenterol. 2023;118(1):59-76. doi:10.14309/ajg.0000000000002075 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  14. American Diabetes Association Professional Practice Committee. 2. Diagnosis and classification of diabetes: Standards of Care in Diabetes-2025. Diabetes Care. 2025;48(Suppl 1):S27-S49. doi:10.2337/dc25-S002 (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  15. MedlinePlus. Erythrocyte sedimentation rate (ESR). US National Library of Medicine, 2024. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  16. MedlinePlus Medical Encyclopedia. Diabetic ketoacidosis. US National Library of Medicine, 2025. medlineplus.gov (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  17. NHS. Myasthenia gravis. 2023. nhs.uk (abgerufen am 30. Oktober 2026)
  18. Holstiege J, Akmatov MK, Klimke K, et al. Trends in administrative prevalence of multiple sclerosis and utilization patterns of disease modifying drugs in Germany. Mult Scler Relat Disord. 2022;59:103534. doi:10.1016/j.msard.2022.103534 (abgerufen am 30. Oktober 2026)

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